Viele Hände schaffen viel!

Viele Hände schaffen viel!

NamensTropfen-Installation im Gedenken an die Frauen und Mädchen

Ein Bericht zum „Subbotnik“ im KZ-Gedenkort Neubrandenburg-Waldbau

Am 1. Oktober 2021 fand eine große Aufräumaktion für den KZ-Gedenkort Neubrandenburg-Waldbau statt, an der sich weit über 100 Personen beteiligten. Das gute Wetter war bestellt, und im letzten Moment setzte sich die Sonne bei lauen Temperaturen am Himmel durch. Freiwillige zwischen 15 und 85 Jahren, angereist aus allen Teilen der Stadt – Reitbahnviertel, Oststadt, Datzeberg, Tannenkrug, Lindenberg,... 

Die ehrenamtlichen Helfer*innen scheuten auch keine Fahrten aus Waren, Röbel, Schwerin, Fürstenberg/Havel und Hamburg. Die Regionale Schule Mitte (Fritz-Reuter-Schule) war ebenso vertreten wie die Berufsfachschule vom Datzeberg, die Kolleginnen und Kollegen der RAA, die Stipendiat*innen des START-Programms, die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, wie zahlreiche städtische Einrichtungen in Neubrandenburg, so die Hochschule wie auch der Förderverein der Regionalbibliothek, das Technische Hilfswerk, der ehemalige Demokratische Frauenbund, die Partnerschaft für Demokratie und viele mehr. Der Oberbürgermeister der Stadt, Silvio Witt, ließ es sich nicht nehmen, den Teilnehmenden eine Suppe als Verpflegung zu spenden. Aber auch andere spendeten: Kuchen, Süßigkeiten, Kaffee und Tee, der BUND das Geschirr...

Viele Hände schaffen viel!
Das RAA-Projekt zeitlupe und die Stadt Neubrandenburg, mit Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung, aber auch der Landesforst Mecklenburg-Vorpommerns (Forstamt Neubrandenburg), hatten diesen „Subbotnik“ organisiert. 

In beeindruckender Geschwindigkeit und berührender Hingabe machten die Helfer*innen das Gelände, das wegen der Pandemie nun fast zwei Jahre kaum mehr Pflege erfahren hatte, begehbar; sie säuberten die Wege und legten neue frei, sie zersägten Baumstämme und harkten Laub, sie sicherten die begehbaren Teile des insgesamt 50.000 m2 großen Geländes mit Seilen und schleppten Sitzgelegenheiten aus Holz an Stellen, die bei angemeldeten Führungen angesteuert werden. 

NamensTropfen-Gedenkinstallation der Künstlerin Imke Rust
Außerdem wurde eine NamensTropfen-Gedenkinstallation der Künstlerin Imke Rust in den Wald gebracht.
Die aus drei Stahlgestellen gebaute Installation erinnert an die Namen und die Biographien von bekannten KZ-Insassinnen des Waldbaulagers und visualisiert diese über schwebende und leuchtend bunte Acrylglastropfen. 
Die namibische Künstlerin, mit Studios in Oranienburg und Namibia, hatte bereits 2019 überzeugt mit ihrer künstlerischen Gedenkarbeit der sogenannten „FrauenKamm-Silhouetten“, die bereits zum Wahrzeichen des Gedenkortes geworden sind. 

 

Die ersten 500 Namen leuchten im Wald
Namensdaten und biographische Daten werden bereits seit Jahren teilweise aufwendig recherchiert und finden nun auf diesem Weg den Weg zurück in die Gesellschaft und in eine interessierte Öffentlichkeit. 
Recherchen von Forscher*innen, wie Nadja Grintzewitsch, Dr. Constanze Jaiser, Tino Kammerer, Dr. Harry Schulz, in Zusammenarbeit mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und dem Neubrandenburger Stadtarchiv unter Leitung von Eleonore Wolf, förderten bislang Namen von 1.500 Frauen und Mädchen zutage.
Die ersten 500 konnten wissenschaftlich überprüft und mit Hilfe zivilgesellschaftlichen Engagements auf bunte Acrylglasscheiben in Tropfenform graviert werden.
In den vergangenen Monaten veranstalteten die Stadt, unter Leitung ihrer Beauftragten für den Gedenkstättenbereich, Bianka Bülow, und das Team von zeitlupe mit Schüler*innen der Neubrandenburger Schulen und anderen Bewohner*innen der Stadt Workshops, in denen die Teilnehmenden Namenstropfen gravierten, sich mit den Biographien von Gefangenen des Lagers beschäftigten und an ihnen Fragen der eigenen Herkunft und Identitätsbildung bearbeiteten.

NamensTropfen als Symbol einer gemeinsamen, nicht endenden Erinnerungsarbeit 
Die Installation wurde jetzt, nicht zuletzt dank der Investitionsmittel der Landeszentrale für politische Bildung M-V sowie Mitteln der Freudenberg Stiftung, als offene Werkstatt und partizipatives Erinnerungsprojekt an den KZ-Gedenkort gebracht. Am Standort einer ehemaligen Baracke, in der die Frauen und Mädchen damals halb unterirdisch leben mussten, wird die Namensinstallation nach und nach erweitert. 
Hierfür bedarf es weiterer Anstrengungen und Mittel, um nun die nächsten 500 zu prüfen und zu gravieren sowie weitere Namen der insgesamt mindestens 7.000 in Neubrandenburg Inhaftierten zu finden. Die Frauen stammten aus allen Teilen Europas. Ob sie in der Ihlenfelder Vorstadt oder seit 1944 auch im Nemerower Forst untergebracht waren, lässt sich nur noch in Einzelfällen ermitteln, nachgewiesen ist jedoch, dass sich mindestens 2.000 von ihnen auch im "Waldbau" befanden.

Frauen im KZ-Außenlager Waldbau
Offizielle Einweihung am 27. Januar 2022
Unser Wunsch ist es, das Denkmal, das mit Mitteln der Freudenberg Stiftung resp. des RAA-Projekts zeitlupe und der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern entstand, zum 27. Januar 2022 offiziell einzuweihen: mit Vertreter*innen der Landesregierung, mit der Stadt, dem Landkreis sowie der Gedenkstätte Ravensbrück. 

Der Kampf um Erinnerung hat schon Tradition und erhält nun Zukunft
Trotz vieler struktureller Hindernisse und mitunter auch politischem Gegenwind, gab es bereits zu DDR-Zeiten und intensiv seit dem Jahr 2000 immer wieder großes Engagement; Individuen, Gruppen (z. B. Demokratischer Frauenbund, Mitarbeiter des Regionalmuseums und des Stadtarchivs Neubrandenburg u.a.m.), die sich dafür einsetzten, dass an das größte Außenlager des Frauen-KZ Ravensbrück erinnert und die Zweigstelle im Nemerower Forst zugänglich gemacht werden muss. 

Die RAA hatte 2018/19 im Auftrag der Landesregierung schließlich ein umfassendes Nutzungskonzept entwickelt und im Oktober 2019 mit einem ersten Freiwilligeneinsatz den Ort als KZ-Gedenkort im Naturschutzgebiet nahe des Tollensesees eingerichtet.
Wegen der Covid19-Pandemie sind die Bemühungen der Landesregierung, des Landkreises und der Stadt Neubrandenburg, hier mit ihren Partnern eine nachhaltige Lösung der Trägerschaft, der Zuwegung (B96) und der Aktivitäten vor Ort zu finden, stecken geblieben. Sie sollen jetzt nach den abgeschlossenen Wahlen aber wieder aufgenommen werden.

Schwebende und leuchtende Erinnerungszeichen
 

Was bleibt: Ein großes Dankeschön! Und bis zum nächsten Mal!Wir bedanken uns von Herzen bei allen Beteiligten an dem zweiten „Subbotnik“. Es entstand ein wichtiger Beitrag für die Erinnerung an all die Frauen und Mädchen, die im KZ-Außenlager Neubrandenburg schwere Zwangsarbeit leisten mussten. 
Sie mussten unter schwer vorstellbaren Bedingungen in der Zweigstelle „Waldbau“ halb unterirdisch eingegraben für das NS-Regime Teile der sogenannten „V1“ (Fieseler 103) produzieren. Nationalsozialisten, die SS, aber auch die zivile Betriebskräfte der Mechanischen Werkstätten, nahmen ihren Tod billigend in Kauf. Ihre Namen waren in Deutschland lange vergessen, wie das bei vielen KZ-Außenlagern in Ost und West der Fall war. 
Jetzt gibt es durch großes Engagement einen in seiner geschichtlichen Bedeutung einzigartigen Ort, der an dieses Geschichtskapitel in Mecklenburg-Vorpommern erinnert. Und der sich öffnet für eine regionale, die Natur achtende und gleichwohl künstlerische, bunte Spurensuche und ein menschenzugewandtes Gedenken.

Mehr Fotos auf der RAA-Webseite raa-mv.de

Video zur Namenstropfen-Installation

Infos und Berichte zur Namenstropfen-Gestaltung im Sommer 2021

Instagram-Account der Künstlerin Imke Rust

zeitlupe | Stadt.Geschichte & Erinnerung ist ein Projekt der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) Mecklenburg-Vorpommern e. V. und wird von der Freudenberg Stiftung gefördert. 

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