Erinnerung braucht Zukunft: 5. Forum zu Staatssicherheit und Repression auf dem Lindenberg setzt starke Impulse
Am 12. November 2025 wurde das Kino Latücht in Neubrandenburg erneut zu einem Ort intensiver Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit und ihren Folgen bis in die Gegenwart. Unter dem Titel „Anerkennung – Erinnerung – Partizipation“ lud der Verein Gedenkort Lindenberg zum "5. Forum Staatssicherheit und Repression auf dem Lindenberg" dazu ein, über den Umgang mit dem ehemaligen Haftort der MfS-UHA, über gesellschaftliche Verantwortung und über neue Perspektiven für die Zukunft des Geländes ins Gespräch zu kommen.
Veranstaltet wurde das Forum vom Gedenkort Neubrandenburger Lindenberg – Stasi-UHA e.V. gemeinsam mit einem Aktionsbündnis aus dem Bundesarchiv – Stasi-Unterlagenarchiv Neubrandenburg, der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft e. V. (UOKG) sowie der RAA-Geschichtswerkstatt zeitlupe, in Trägerschaft der RAA | Demokratie und Bildung M-V e. V.. Moderiert wurde der Abend von Dr. Constanze Jaiser.

Das 5. Forum fand wieder im Neubrandenburger Latücht statt.
Schon zur Begrüßung wurde deutlich, worum es an diesem Abend gehen sollte: nicht nur um Rückschau, sondern um einen offenen Prozess. Seit 2021, so erinnerte Dr. Constanze Jaiser, wächst mit dem Forum ein Austauschformat, das unterschiedliche Perspektiven zusammenbringt – von Zeitzeug*innen über Wissenschaft und Bildung bis hin zu Verwaltung, Politik und Stadtgesellschaft. Dass sich inzwischen großes öffentliches Interesse am Lindenberg zeigt, wurde ebenfalls hervorgehoben: Bei der ersten Besichtigung, dem gemeinsam vom Bündnis organisierten Aktionstag 2022, wollten rund 1.200 Menschen den Ort sehen, darunter viele Schüler*innen.
Nach der Folter: Was Repression mit Gesellschaften macht
Einen zentralen wissenschaftlichen Akzent setzte Jun.-Prof.in Dr. Dörte Negnal von der Universität Siegen mit ihrem Vortrag „Nach der Folter: Gesellschaft gestalten“. Sie machte deutlich, dass Folter nicht nur in offenen Diktaturen vorkommt und keineswegs nur als sichtbare körperliche Gewalt verstanden werden darf. Im Mittelpunkt stand die sogenannte „leise“ oder psychische Folter – Formen der systematischen Zermürbung, Einschüchterung und Isolation, die keine sichtbaren Spuren hinterlassen und doch tief in Biografien und soziale Beziehungen eingreifen.

Prof.in. Dr. Dörte Negnal
Sie beschrieb anhand von konkreten Beispielen aus verschiedenen Haftorten weltweit eindrücklich, wie Repression weit über den Moment der Haft hinauswirkt: durch Stigmatisierung, gesellschaftliche Ächtung, familiäre Zerrüttung und anhaltende soziale Ausgrenzung. Täterschaft wird überall sozial hergestellt. Die Formen der Gewalt träfen nicht nur einzelne Menschen, sondern beschädigten das Zusammenleben insgesamt. Aufarbeitung, so ihre zentrale Botschaft, sei deshalb unverzichtbar – gerade weil nicht bearbeitetes Unrecht Spannungen in die Gegenwart verlängere.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie sehr das Thema in Neubrandenburg viele Bürger*innen bis heute bewegt. Fragen nach der Definition von Folter, nach psychischer Gewalt und nach der Verantwortung demokratischer Gesellschaften knüpften direkt an den Vortrag an. Besonders eindrücklich war dabei die wiederkehrende Erkenntnis: Folter beginnt nicht erst mit körperlicher Misshandlung, sondern auch dort, wo Menschen gezielt gebrochen, verängstigt und sozial isoliert werden.
Warum Gedenkorte weiterhin nötig sind
Mit einem ebenso engagierten wie grundsätzlichen Impuls sprach anschließend der Theologe und Menschenrechtler Heiko Lietz über die bleibende Bedeutung von Gedenkorten. Er erinnerte daran, dass die DDR ihre Macht nicht nur über offene Repression, sondern zunehmend über subtile Zersetzungsstrategien sicherte. Orte wie der Lindenberg machten sichtbar, wie staatliche Willkür konkret wirkte – gegen Meinungsfreiheit, Freizügigkeit und die Würde des Menschen.
Lietz warb dafür, den Lindenberg nicht nur als historischen Ort zu begreifen, sondern als gesellschaftlichen Prüfstein der Gegenwart. Historische Orte als Gedenkorte seien heute unverzichtbar, damit seelische, psychische und physische Verletzungen nicht in Vergessenheit geraten. Gerade in Zeiten, in denen Verklärung und Verdrängung wieder an Raum gewinnen, brauche es Orte, an denen Geschichte konkret erfahrbar bleibt.
Zukunftswerkstatt im World-Café-Format: Fünf Tische, viele Ideen, ein gemeinsames Ziel
Der zweite Teil des Abends war als Zukunftswerkstatt in Form eines World Cafés angelegt – ein bewusst offenes, dialogisches Format, das Raum für Beteiligung, Kontroverse und gemeinsames Weiterdenken schuf. An fünf Thementischen kamen Gäste aus sehr unterschiedlichen Kontexten zusammen: Zeitzeug*innen, Studierende, Vertreter*innen aus Stadtgesellschaft, Bildung, Forschung und Verwaltung. 
Zukunftswerkstatt zur UHA auf dem Neubrandenburger Lindenberg
Gerade diese Arbeitsphase erwies sich als Herzstück des Abends. Hier wurde nicht nur diskutiert, sondern von rund fünfzig Menschen konkret entworfen, wie der Lindenberg künftig ein Ort der Erinnerung, Bildung und demokratischen Teilhabe werden kann. Die Gespräche waren lebhaft, teils kontrovers, zugleich aber von dem gemeinsamen Wunsch geprägt, den Ort nicht dem Vergessen preiszugeben.
Die wesentlichen Ergebnisse der Zukunftswerkstatt
Aus den fünf Tischen, die u.a. von Thoralf Maaß und Prof. Dr. Kai Brauer, Prof.in Dr. Júlia Wéber, von Dr. Christian Halbrock, von Katrin Passens und Siegrun Schreiber und von Prof.in Dr. Dörte Negnal, moderiert wurden, kristallisierten sich mehrere zentrale Linien heraus:
1. Breite Zustimmung für den Erhalt wesentlicher Teile des Ortes
Über nahezu alle Gruppen hinweg bestand Einigkeit darin, dass der Lindenberg als authentischer historischer Ort erhalten bleiben muss. Besonders betont wurde die Bedeutung der baulichen Zeugnisse – der „steinernen Zeugen“ –, weil sich das Ausmaß staatlicher Repression in den originalen Räumen besonders eindrücklich erschließt. Zeitzeug*innen unterstrichen, dass Filme, Bücher und Berichte wichtig seien, das tatsächliche Begreifen aber erst beim Gang durch die Räume beginne.
2. Der Lindenberg soll Lern-, Gedenk- und Begegnungsort werden
Mehrfach wurde der Wunsch formuliert, aus dem Gelände mehr zu machen als eine reine Gedenkstätte. Vorgeschlagen wurden ein Lern- und Gedenkort mit Bildungsangeboten, ein Menschenrechtszentrum, ein Europäisches Zentrum für Demokratie sowie Räume für Workshops, Bibliothek, Informationsangebote und zivilgesellschaftliche Initiativen. Im Zentrum stand die Idee, Erinnerung mit aktueller Demokratie- und Menschenrechtsbildung zu verbinden.
3. Erinnerung soll interaktiv, pädagogisch und generationenübergreifend gestaltet werden
Vor allem von jüngeren Teilnehmenden wurde hervorgehoben, dass Geschichtsvermittlung emotional erfahrbar, interaktiv und zeitgemäß sein müsse. Genannt wurden Formate für Kinder und Jugendliche, Bildungsangebote zu Freiheit und Demokratie, künstlerische Zugänge sowie Räume, in denen unterschiedliche Geschichten und Perspektiven sichtbar werden können.
4. Offenheit für eine Mischnutzung – ohne den Gedenkcharakter aufzugeben
Mehrere Tische entwickelten Ideen für eine Kombination aus Gedenken und weiterer gesellschaftlicher Nutzung. Diskutiert wurden etwa Räume für Vereine, kulturelle Veranstaltungen, Mehrgenerationenangebote, Jugendarbeit, Sprachkurse oder ergänzende Hochschulnutzungen. Entscheidend war dabei die gemeinsame Leitlinie: Der historische Kern des Ortes und seine Aussage dürfen nicht verloren gehen.
5. Finanzierung und Trägerschaft bleiben die große Herausforderung
Neben inhaltlichen Visionen wurden auch die praktischen Fragen sehr klar benannt: Betriebskosten, Unterhalt, Eigentumsverhältnisse und Fördermöglichkeiten. Zugleich zeigte die Zukunftswerkstatt, dass es nicht an Ideen mangelt, sondern vor allem an politischen Entscheidungen, tragfähigen Konzepten und langfristiger Unterstützung. Diskutiert wurden auch Perspektiven einer Förderung durch Land, Bund oder EU.6. Erinnerung braucht Dialog – auch bei unterschiedlichen Interessen.
Mehrfach wurde betont, dass der Umgang mit dem Lindenberg nicht im Gegeneinander entschieden werden dürfe. Vielmehr gehe es darum, Argumente ernst zu nehmen, unterschiedliche Interessen sichtbar zu machen und daraus tragfähige Lösungen zu entwickeln. Gerade darin lag eine der Stärken des World Cafés: Es brachte Positionen zusammen, die sonst oft nebeneinanderstehen.
Eindringliche Stimmen der Zeitzeug*innen
Besondere Wirkung entfalteten die Beiträge der Zeitzeug*innen Thoralf Maaß und Eva-Maria Schrader, die beide selbst in dem Stasi-Gefängnis am Lindenberg vor 1989 inhaftiert waren. Ihre Schilderungen machten deutlich, dass psychische Gewalt, Isolation, Drohungen, tägliche Verhöre und absolute Ungewissheit Teil des Haftalltags waren. Thoralf Maaß formulierte es unmissverständlich: Folter sei nicht nur das Zufügen körperlicher Schmerzen, sondern auch das systematische Zerstören von Sicherheit, Würde, Vertrauen und familiären Bindungen.
Beide Zeitzeug*innen machten zugleich deutlich, was sie sich für die Zukunft des Ortes wünschen: dass die Geschichte nicht „unter den Tisch gekehrt“ wird. Der Lindenberg müsse erhalten bleiben, damit kommende Generationen nachvollziehen können, was dort geschehen ist.
Ein Abend, der nachwirkt
Das 5. Forum hat gezeigt, wie groß das Interesse an einer ernsthaften, offenen und zukunftsorientierten Auseinandersetzung mit dem Lindenberg ist. Wissenschaftliche Einordnung, persönliche Zeugnisse und die intensive Zukunftswerkstatt ergänzten sich zu einem Abend, der weit über ein klassisches Podiumsgespräch hinausging.
------------------
Alle Fotos: Carsten Büttner, smoltfilm.net
------------------




