Digital lernen und gedenken mit dem Portal "Stimmen aus Ravensbrück"

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Digital lernen und gedenken mit dem Portal "Stimmen aus Ravensbrück"

Das Portal "Stimmen aus Ravenbrück. Lyrische und bildnerische Zeugnisse aus dem Frauen-KZ Ravensbrück und dessen Außenlagern" der Berliner Künstlerin Pat Binder wurde neu aufgelegt. Mit ihm können Menschen sich über die vielen literarischen und künstlerischen Werke von Frauen in den Konzentrationslagern Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns informieren. Sie erhalten Einblick, unter welchen Bedingungen die Zeugnisse entstanden. Die Nutzer:innen können sich von den Werken berühren lassen, ohne überwältigt zu werden. Mit dem Portal eröffnet sich den Besucher:innen des Portals zudem in pandemischen Zeiten die Möglichkeit, dem Leid der betroffenen und den von den Nationalsozialist:innen getöten Frauen in einem virtuellen Raum zu gedenken. Das Portal bietet Besucher:innen eine deutsche und eine englischsprachige Version an und richtet sich damit auch an ein internationales und diverses Publikum.

Wer waren die Frauen, die unter schwersten Gefangenschafts-bedingungen in Ravensbrück und in seinen Außenlagern dichteten und zeichneten? Was veranlasste sie das zu tun obwohl sie sich damit in Lebensgefahr brachten?

Das online Kunst- Bildungs- und Gedenkprojekt von Pat Binder (in Deutsch und Englisch) bietet einen virtuellen Raum der Begegnung, um die vielfältigen Stimmen jener Frauen aus ganz Europa wahrzunehmen, die in der Kunst Stärkung, Trost und ein geistiges Überleben suchten.

Soweit bekannt ist, wurden allein im Frauen-KZ Ravensbrück mindestens 1.200 Gedichte verfasst.

Ravensbrück, 90 km nördlich von Berlin gelegen, war das größte Konzentrationslager für Frauen auf deutschem Gebiet. Von 1939 bis 1945 inhaftierten die Nationalsozialisten dort etwa 120.000 Frauen aus über 30 Nationen – aus politischen und rassistischen Gründen. Eine unfassbare Zahl wurde hingerichtet oder starb an Hunger, Krankheiten, Erschöpfung durch Schwerstarbeit oder an den Folgen medizinischer Experimente.

Das erbarmungslose Leben im KZ, die Hilflosigkeit gegenüber Leid und Tod von Kameradinnen, Einsamkeit, Heimweh und die Sorge um Angehörige waren Anlässe, um Gefühle in gereimte Worte zu fassen, für sich selbst oder für die Nahestehenden. Hinzu kam aber auch die überlebensnotwendige Ablenkung vom KZ-Alltag, und nicht zuletzt das Bedürfnis, ein Zeugnis für die Nachwelt zu schaffen.

Im Laufe des Krieges verschleppten die Nationalsozialisten KZ-Häftlinge zu Tausenden zur Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie. Allein nach Neubrandenburg "vermietete" die SS lukrativ an die Luftfahrtindustrie mindestens 7.000 Frauen und Mädchen. Die dortigen Mechanischen Werkstätten erzielten über diese Sklavenarbeit beachtliche Gewinnsteigerungen.

In die Ravensbrücker Außenlager nach Mecklenburg-Vorpommern, nach Brandenburg und anderswohin wurden auch die Gedichte mitgenommen: auswendig gelernt in den Köpfen, übersetzt in die jeweilige Muttersprache oder heimlich aufgeschrieben mit Bleistiftstummeln und am Körper versteckt – die poetischen Verse drückten aus, was viele empfanden, sie waren für viele von unschätzbarem Wert im Kampf um das Überleben.

Die Frauen litten furchtbar unter der Vorstellung, dass sie in den Rüstungsfabriken den Tod in ihrer Heimat mit eigenen Händen nährten. Sie betrieben unter Lebensgefahr Sabotage. Sie kämpften gegen das von den Nationalsozialisten für sie vorgesehene Programm einer "Vernichtung durch Arbeit". Wieder schufen sie heimlich neue Gedichte und Zeichnungen: als letzte Zeichen ihrer Existenz und ihres Aufbegehrens.

Thematische Annäherung

In zehn thematischen Schwerpunkten fädelt die in Argentinien geborene Pat Binder 40 klar konzipierte "Wahrnehmungsstationen" aneinander: Gedichte mit Zeichnungen von Häftlingen sowie historische und aktuelle Fotos, Videos, Animationen und Tonsequenzen; dazu, im Hintergrund, Kontextwissen zu den Künstlerinnen, den Artefakten, den Themen.

Ankunft – Appell – Alltag – Zwangsarbeit – Arrest – Sehnsucht - Widerstehen – Leid – Tod – Hoffnung

Gedichte zur Ankunft konfrontieren uns mit dem entwürdigenden

Eintritt in das Lagersystem, geprägt u.a. durch Schläge, Entblößung, Kopfrasur, Uniform und die Ersetzung des Eigennamens durch eine Nummer – "das ist das Ziel, das ist die Hölle", wie Micheline Maurel vorahnend feststellt. Lyrische Zeugnisse versinnbildlichen den Appell, eine mehrmals täglich stattfindende, oft stundenlang andauernde Tortur – "…die 18.000 Nummern standen volle 36 Stunden", wie Maria Günzl schreibt. Viele Gedichte wurden vor diesem Hintergrund verfasst oder während dieser Zeit weitergegeben. Dass die Ungeheuerlichkeiten des KZ-Alltags besser mit Galgenhumor ertragen werden konnten, zeigen Maria Kociubska, die "dringend eine Laus" braucht, sowie Mary Vaders in ihrer "Ode an das Bett", oder eine unbekannte Verfasserin, die sich über ihre zum Scheißhauskommandant ernannte Kameradin lustig macht.

Die Inhaftierten mussten tagtäglich Zwangsarbeit leisten, um den Lagerbetrieb aufrecht zu erhalten, oder im SS-eigenem Industriehof sowie in den Werkhallen von Siemens & Halske für Profite zu sorgen. Mitte 1942 begann der Einsatz der Frauen in der Rüstungsindustrie, wofür sie zunehmend in Außenlagern untergebracht wurden. Viele ihrer Gedichte lassen uns die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Frauen nachvollziehen, oder deren moralische Qualen, wie im Falle Maria Rutkowskas "An den Sohn", gewidmet an den in der Waffenproduktion arbeitenden Müttern.

"Fünf Schritte hin, fünf Schritte her" einer unbekannten Gefangenen, oder Teresa Bromowicz Gedicht "Dreidimensional" schildern die Einsamkeit im Arrest und die unerträgliche Enge einer Zelle des "Bunkers", wie das Lagergefängnis genannt wurde. Die Nicht-Lagerwelt wird in Gedichten oft als genereller Freiheitsraum herbeigesehnt, als paradiesischer Ort. Bei Vielen nährte sich die Sehnsucht durch die Wahrnehmung der Natur in der Umgebung des Lagers.

Mühsam versuchten die Frauen zu Widerstehen und sich gegen die Qualen des Lagerlebens aufzulehnen. Dabei spielten das Verfassen und Aufsagen von Gedichten, gemeinsames Beten oder Singen, das Erzählen von Geschichten, das Austauschen von Kochrezepten, der heimlich organisierte Schulunterricht, das Festhalten des Lagerlebens in Zeichnungen, oder Anfertigen von kleinen, z.B. aus Zahnbürstengriffen geschnitzte Geschenke, eine entscheidende Rolle.

Erschütternde Erfahrungen von Leid und Tod im KZ Ravensbrück lassen uns die Stimmen der Frauen in ihrer Unfassbarkeit erahnen, sei es als "Endlose Tränen fließen, endloses Blutvergießen…" einer unbekannten Verfasserin, oder im Gedicht "Kaninchen" das die Qualen der Frauen, an denen medizinische Experimente vorgenommen wurden, zum Ausdruck bringt. Durch Zeichnungen von Lily Unden, Violette Lecoq, France Audoul und Aat Breur erblicken wir Gratiana Pichler-Pembergers "Kinder hinter dem Leichenkarren", oder durch überblendete Aufnahmen der Krematoriumsöfen in Ravensbrück, Alexandra Sokowas im Gedicht aufgerufenen "Kamin", der im Lager Tag und Nacht brannte.

Und dennoch gab es in Ravensbrück auch Hoffnung als kraftspendende Ausrichtung auf die Zukunft: Hoffnung, das Lager lebend verlassen zu können, Hoffnung auf ein Ende der Qualen, Hoffnung, die Heimat und die Liebsten wiederzusehen, Hoffnung auf eine bessere Welt, sowie auch Hoffnung, gehört und erinnert zu werden.

Das Projekt bietet am Ende einen Bereich zum Gedenken in dem eine virtuelle Rose für die Frauen von Ravensbrück in den Schwedtsee gelegt werden kann.

Kunst schafft Reflexionsräume

Dadurch, dass kaum noch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen am Leben sind, von deren Erlebnissen wir in persönlichen Begegnungen erfahren könnten, sind Formen und Formate des Erinnerns und Gedenkens erforderlich, die über das rationale Verstehen der Fakten hinaus einen Zugang zu den Geschichten und Schicksalen ermöglichen. Die künstlerische Aufbereitung authentischer poetischer und bildnerischer Zeugnisse aus Ravensbrück und seinen Außenlagern in Mecklenburg-Vorpommern ermöglicht eine emotionale sowie rationale Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten des Lageralltags. Ihre Unmittelbarkeit, ihre Vielfalt und ihre Botschaften schaffen berührende Begegnungen …

Die unter Einsatz ihres Lebens im KZ künstlerisch Tätigen stammen aus allen europäischen Ländern. Ihre Biografien und ihre Zeugnisse zu erinnern, ist ein wichtiger Baustein zukünftiger lebendiger Erinnerungskultur. Dabei kann der Einsatz digitaler Medien und Kunst in der Erinnerungskultur und Geschichtsvermittlung über Grenzen hinweg Brücken bauen und dazu beitragen, Verstehenszusammenhänge zu stiften und Empathie zu befördern.

Und auch in heutigen Zeiten, in denen die Kunst für die Politik wenig "Systemrelevanz" zu genießen scheint, vermittelt das Projekt mit großer Sensibilität, welche Kraft kreativem Schaffen innewohnt und wie dieses in Situationen größter Verzweiflung und Todesangst zu einem Mittel des Überlebens werden kann.

77 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager erscheint die Bedeutung des aktiven Gedenkens, Einfühlens und Bewusstmachens wichtiger denn je, nicht nur in Zusammenhang mit dem geschichtlichen Verständnis und Verantwortung, sondern für den Stellenwert der Demokratie als solche, denn es erstarken politische Einstellungen und Gruppierungen, die Ausgrenzung und Hass schüren, und ein Ende des Gedenkens fordern.

"Stimmen aus Ravensbrück" trägt auf einzigartige Weise dazu bei, durch die künstlerische Aufbereitung authentischer Zeugnisse von Opfern des Nationalsozialismus deren individuelles Leiden und Widerstehen heutigen Generationen zu vermitteln.

Zur Geschichte des Internet-Kunstprojekts

Pat Binders Internet-Kunstprojekt "Stimmen aus Ravensbrück" gilt als eines der ersten Beispiele für die Nutzung von digitalen Technologien mit medienpädagogischen Ansätzen bei der Auseinandersetzung mit (Über)Lebenswirklichkeiten in den deutschen Konzentrationslagern sowie für die Schaffung eines virtuellen Gedenkraumes. Die Erstveröffentlichung von "Stimmen aus Ravensbrück" aus dem Jahr 2000 wurde mit dem Marianne-von-Willemer-Preis der Stadt Linz (Österreich) ausgezeichnet.

Die Neuauflage 2020/21 wird den neuen digitalen Anforderungen und mobilen Geräten gerecht und erweitert die Reichweite des Projekts mit zusätzlichen Gedichten, Zeichnungen und Kontextinformationen, insbesondere zum Thema Zwangsarbeit/Außenlager und den wirtschaftlichen Nutzen der Deportationen.

Das Kunst-, Gedenk- und Bildungsprojekt von Pat Binder baut auf den Forschungen der Literaturwissenschaftlerin Constanze Jaiser auf, und wurde von ihr erneut beratend und mit von ihr zur Verfügung gestellten Materialien begleitet. Darüber hinaus stammen die Zeugnisse aus dem Archiv der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, dem Stadtarchiv und dem Regionalmuseum Neubrandenburg, sowie aus dem Staatlichen Museum Auschwitz und der Universität Lundt. Produziert wurde "Stimmen aus Ravensbrück" vom Kunstportal "Universes in Universe – Welten der Kunst", das Pat Binder und Gerhard Haupt bereits seit 1997 erfolgreich betreiben (https://universes.art). Es entstand als Reaktion auf weit verbreitete kulturzentristische Positionen und betont die Vielfalt und gegenseitige Bereicherung künstlerischer Universen aus aller Welt.  

Die Erarbeitung der neuen erweiterten Version wurde möglich in Kooperation mit der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) Mecklenburg-Vorpommern e. V., und gefördert von der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung sowie aus Mitteln der Freudenberg Stiftung im Rahmen des Projektes zeitlupe | Stadt.Geschichte & Erinnerung.

Stimmen aus Ravensbrück

https://universes.art/de/stimmen-aus-ravensbrueck

https://universes.art/en/voices-from-ravensbrueck

 

Weitere Informationen und Pressebilder

contact@universes.art

Alle Dokumente

Vera Hozáková "Frühling" (1943), Video Pat Binder (1999)
Presseinformation "Stimmen aus Ravensbrück" (Deutsch)
Press Information "Voices from Ravensbrück" (English)

Die RAA-Geschichtswerkstatt zeitlupe ist ein Projekt der RAA – Demokratie und Bildung Mecklenburg-Vorpommern e. V. und wird von der Freudenberg Stiftung gefördert. 

RAA + Freudenberg

 

 

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